Seit 2017 · autofrei · kooperative Arbeitsweise

Ihr Fahrradkurier in Berlin.
Gewissenhaft geliefert, persönlich verantwortet.

Unsere Kurier·innen sind geschult, unter anderem in eigenen Workshops zu Ladung und Ladungssicherung. Und weil CROW eine Kooperative ist, liefert nie einfach nur „irgendwer": Die Person, die Ihr Paket abholt, hilft bei CROW mit, das Unternehmen zu führen, nicht nur darin zu arbeiten, und bringt dieses Verantwortungsgefühl in jede Lieferung mit.

CROW bringt dringende Dokumente, Ladenabholung kurz vor Feierabend und Laborproben direkt ans Ziel: 100% per Lastenrad, ohne Stau und ohne Abgase. Für Last-Mile, für Berliner Unternehmen, Labore, Apotheken, Röstereien, Einzel- sowie Großhandel und Privatkund·innen in ganz Berlin.

Kostenloses jährliches CO₂-Zertifikat für Ihre eingesparten Emissionen
CROW Kurier auf dem Lastenrad unterwegs in Berlin

Preise für Stadtkurier & Express

Gültig ab 01.07.2026. Alle Preise netto zzgl. 19% USt. Die Formel dahinter ist immer dieselbe, egal wie individuell Ihre Sendung ist: Basispreis + Preis pro Kilometer (abhängig von der Sendungsgröße) + optionale Termine + optionale Extras = Ihr Nettopreis.

1 Basispreis + 2 Preis/km nach Größe + 3 Termine + 4 Extras = Nettopreis zzgl. 19% USt
1

Basispreis

Startpreis einer Tour, beliebig viele Stops
10,00 €
2

Preis pro Kilometer nach Sendungsgröße

S
max. 5 kg / 80 cm L+B+H*, entspricht 1 Schuhkarton
1,70 €
/km
M
max. 15 kg / 140 cm L+B+H*, entspricht 1 Umzugskarton
2,20 €
/km
L
max. 25 kg / 180 cm L+B+H*, entspricht 2 Umzugskartons
2,80 €
/km
XL
max. 50 kg / 240 cm L+B+H*, entspricht 4 Umzugskartons
3,30 €
/km

* Der Preis pro Kilometer richtet sich nach Gewicht oder Größe der Sendung. Maßgeblich ist die Summe der 3 Achsseiten eines Packstücks (Länge + Breite + Höhe). Im Zweifelsfall wird die Kategorie während oder nach der Lieferung angepasst. Für Abholungen/Lieferungen außerhalb des Kernliefergebiets wird die Strecke von bzw. bis zur Gebietsgrenze zusätzlich berechnet.

3

Termine (optionale Zeitfenster pro Stop)

Termin
±30 Min. Zeitfenster für die Ankunft an einem Stop
5,00 €
/Stop
Termin Plus
±10 Min. Zeitfenster für die Ankunft an einem Stop
10,00 €
/Stop
Termin vs. Termin Plus, einfach erklärt
An jedem Stop Ihrer Tour können Sie optional ein Zeitfenster für die Ankunft der Kurier·in festlegen. Wie präzise dieses Fenster sein soll, bestimmt den Preis: ein großzügiges Fenster von ±30 Minuten („Termin“) kostet 5,00 € pro Stop; ein enges Fenster von ±10 Minuten („Termin Plus“) kostet 10,00 € pro Stop, weil es für unsere Tourenplanung deutlich schwieriger einzuhalten ist. Wenn 3 von 5 Stops ein Zeitfenster brauchen, zahlen Sie den Aufpreis auch nur für diese 3. Jeder Stop kann unabhängig als Termin oder Termin Plus gebucht werden. Ohne Angabe eines Zeitfensters fällt kein Aufpreis an; wir liefern dann im normalen Lauf der Tour.
4

Extras

Extra Stopp
zwischen erstem und letztem Stop einer Tour
5,00 €
/Stop
Servicezeit
erste 5 Minuten inklusive, danach je angefangene 5 Min.
5,00 €
/5 Min.
Geldauslage
je 50 € Auslage, unabhängig vom Zahlungsmittel
5,00 €
/50 €
Depotgebühr
je Nacht & je Sendung, für versicherte Lagerung über Nacht
5,00 €
Liefernachweis
PDF-Liefernachweis per E-Mail nach erfolgreicher Zustellung
5,00 €
Dok. Zustellung
Kurier·in prüft Kopiengleichheit, verschließt Umschlag und stellt rechtssicher zu (mit Nachweis)
100,00 €

50% Aufpreis bei Lieferung außerhalb der Geschäftszeiten (nur auf Anfrage). Gilt für alle Feiertage in Berlin. Lieferungen mit großem Volumen oder Gewicht sind auf Anfrage möglich.

Rechenbeispiel — Eillieferung mit Zeitfenster
1 Basispreis 10,00 €
2 4 km × 2,20 €/km (Größe M — Umzugskarton) 8,80 €
3 1 Termin ±30 Min. an Lieferadresse 5,00 €
Ihr Nettopreis 23,80 € netto = 28,32 € inkl. 19% USt.

Reale Preise variieren je nach Strecke, Sendungsgröße und gewählten Optionen. Dieses Beispiel zeigt eine typische Eillieferung in Berlin-Mitte.

Sendung anfragen Kund·in werden

Unser Leistungsportfolio

Von der Eilsendung um die Ecke bis zum europaweiten Fulfillment — Berliner Sendungen 100 % per Lastenrad, überregionale und internationale Sendungen über unser Partnernetzwerk. Alles aus einer Hand.

STADTKURIER

Eilzustellung

Schnelle, effiziente Lieferung dringender Sendungen innerhalb Berlins. Heute bestellt, heute geliefert.

Zu Preisen →
EUROPA

Europaweiter Versand

In enger Zusammenarbeit mit Partnern liefern wir sicher und pünktlich, egal wohin Ihre Sendung muss.

FULFILLMENT

3PL Fulfillment Service

Eigenes Lager mit mietbaren Schwerlastregalplätzen: Warenannahme, Lagerung, Kommissionierung, Verpackung, Versand.

OVERNIGHT

Overnight Europaweit

Zuverlässige Overnightzustellung für Deutschland und Europa. Pünktlich und sicher, schon am nächsten Tag.

MULTI-STANDORT

Shoplogistik

Maßgeschneiderte Verteilung und Transfer zwischen Geschäften, Büros und Lagern für Kund·innen mit mehreren Standorten.

RECHTSSICHER

Dokumentierte Zustellung

Kurier·innen prüfen die Kopiengleichheit und unterzeichnen die verifizierte Kopie. Bei Bedarf sagen wir dazu auch vor Gericht aus.

Zu Preisen →
FASHION

Distribution für Fashion

Zahlreiche Sendungen berlinweit verteilt: B2B, B2C und Last-Mile, ob von unserem Hub oder Ihrem eigenen Standort.

LAST-MILE

Last-Mile Delivery

Unser Hub im geografischen Zentrum Berlins ermöglicht autofreie Zustellung im Kerngebiet, inklusive CO₂-Zertifikat pro Kilometer.

Alltag auf zwei Rädern

Besonders gut kennen wir uns aus mit...

Manche Branchen haben besondere Anforderungen an Zustellung: Zeitdruck, Empfindlichkeit oder feste Regelmäßigkeit. Dafür haben wir eigene Abläufe entwickelt.

MEDIZIN

Apotheken, Praxen & Labore

Rezepte, Medikamente und dringende Sendungen zwischen Apotheken, Arztpraxen und Patient·innen. Dazu zeitkritischer Transport von Laborproben zwischen Praxis, Labor und Klinik, mit dokumentierter Übergabe. Unsere Kurier·innen sind nach UN3373 für den Transport von Gefahrgut zertifiziert (biologische Stoffe, Kategorie B).

RÖSTEREI

Kaffeeröstereien & Feinkost

Frisch gerösteter Kaffee, Wein und Olivenöl direkt von der Rösterei zu Ihren Filialen oder Ihrer Kundschaft, als feste Tour oder spontan.

EINZELHANDEL

Lokale Läden & Boutiquen

Regelmäßige Nachbelieferung zwischen Lager, Filialen und Kundschaft, damit Ihr Regal nie leer bleibt. Berlinweit, per Cargobike.

EVENT & ELEKTRONIK

Eventtechnik & Elektronikservice

Sensible Logistik für Eventausstatter, Reparaturdienste und Elektronikhändler: Ton- und Lichtanlagen für Veranstaltungen, Leihgeräte-Tausch, Gerätereparaturen und Zustellung an Endkund·innen. Versichert, sicher verpackt und pünktlich am Zielort.

Kooperative Arbeit unterstützen, Vorteile gewinnen

Für registrierte Kundschaft bieten wir mehrere Stufen der Kooperation, die sich auf verschiedene Weise vorteilhaft auswirken.

1

Registrierungsformular ausfüllen

Ab der zweiten Bestellung bitten wir um formelle Registrierung. Vorteil: Ihre Standortdetails müssen bei künftigen Bestellungen nicht mehr durchgegeben werden, und auf Anfrage erhalten Sie Zugang zum Onlineportal mit Einsicht in alle Lieferungen Ihres Auftrags.

In neuem Tab öffnen
Oder Formular direkt hier ausfüllen
2

SEPA-Mandat ausfüllen & einreichen (optional)

Mit einem SEPA-Mandat über den Link im Registrierungsformular erhalten Sie 2% Skonto auf Ihre monatliche Rechnung. Der Abzug erfolgt automatisch vom Netto-Rechnungsbetrag, für alle gebuchten Dienstleistungen.

3

Kooperationsvereinbarung aushandeln

Für feste Partnerschaften: individuelle Sonderkonditionen und Pauschalpreise für Einzeltouren, Expressfahrten, Distribution, B2B/B2C-Lieferung, Last-Mile oder regelmäßige Zustellung.

b2b@crowberlin.de

Radkurier·innen & Management in einem

Wir sind ein innovativer, selbstverwalteter Kurierservice in Berlin, der seit 2017 mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Eigenverantwortung agiert. Wir arbeiten kooperativ: direkt, transparent und effizient.

CROW steht für einen neuen Standard im Kurierdienst: nachhaltig, gemeinschaftlich und unabhängig. Wir glauben, dass Fahrräder schon immer die Zukunft der lokalen Lieferung waren, und arbeiten jeden Tag darauf hin.

Wir sind von der Lieferung per Omnium-Cargobike überzeugt: Diese Lastenräder ermöglichen bemerkenswerte Wendigkeit im urbanen Verkehr und sorgen dafür, dass Lieferungen schnell, zuverlässig und umweltfreundlich ankommen. Ihre hohe Transportkapazität erlaubt auch größere Sendungen, CO₂-neutral und rein per Muskelkraft.

Ein CROW-Kurier mit seinem Omnium-Cargobike

Wo ein Auto einfach nicht gewinnen kann

Wir treten nicht an, um eine nachhaltigere Alternative zum Auto zu sein. Wir treten an, um zu gewinnen: Autos aus der Innenstadt zu verdrängen und den Verkehr spürbar zu entlasten. Gerade im Zentrum Berlins gibt es dafür keine bessere Ausgangslage, denn hier schlägt uns kein Auto, in keiner Disziplin.

Wir sind die erste Wahl unserer Kundschaft, weil wir das verantwortungsvoll, kooperativ und professionell tun: ohne Auto, aber mit dessen Kapazität. Schon ohne Anhänger bewegen wir bis zu 80 kg und damit mehrere volle Umzugskartons pro Fahrt; mit unserem Anhänger Carla Cargo sind es bis zu 200 kg bei 1,5 m³ Ladevolumen. Für so gut wie alles in der Innenstadt, außer vielleicht einem Klavier oder sehr sperrigen Einzelstücken, sind wir damit die klar bessere Wahl.

Kein Stau

Tempo

Keine Ampelkolonnen, keine Umwege, keine Blechlawine. Unsere Lastenräder nehmen den direkten Weg, während Autos im Innenstadtverkehr stehen bleiben.

Direkt vor der Tür

Parken

Kein Rundenkreisen, keine Parkgebühr, kein Knöllchen. Wir halten direkt vor der Tür, in jeder Seitenstraße, zu jeder Zeit.

0 g CO₂

Emissionen

Bei jeder einzelnen Fahrt, jeden Tag. Kein Auto, egal wie modern oder effizient, kann das erreichen.

80–200 kg

Kapazität

Schon ohne Anhänger bewegen wir mehrere Umzugskartons auf einmal. Mit unserem Anhänger Carla Cargo sind es bis zu 200 kg und 1,5 m³ Ladevolumen, genug für einen kompletten Kleinumzug.

Und jede Lieferung zahlt sich doppelt aus: Am Jahresende erhalten Sie von uns ein kostenloses CO₂-Zertifikat über Ihre eingesparten Emissionen, mit einer Zahl, die naturgemäß umso größer ausfällt, je mehr Sendungen Sie uns anvertrauen.

Das richtige Team für Ihr Anliegen

Als Kooperativbetrieb legen wir Wert auf gute, zeitgerechte und faire Kommunikation. Dafür haben wir feste Teams für unterschiedliche Anliegen. Wählen Sie direkt den passenden Kontakt aus.

Markgrafenstraße 67–68 10969 Berlin, 3PL Lager & Büro

Nur wenige Gehminuten vom Checkpoint Charlie entfernt, mitten in Kreuzberg: Diese zentrale Lage verkürzt Last-Mile-Strecken in jede Richtung der Stadt und macht auch die Lagerung über unseren 3PL-Service für Sie effizienter.

1 2 3 4 CROW Kreuzberg
1Brandenburger Tor 2Potsdamer Platz 3Alexanderplatz 4Checkpoint Charlie
Schematische, grob vereinfachte Darstellung, nicht maßstabsgetreu
Auftragsannahme

Disposition

besetzt Mo–Fr 9–18 Uhr

dispo@crowberlin.de
030 403 668 966
Sendung per E-Mail anfragen
Büro / Generelles

Allgemeine Anfragen

Telefonnummer auf Anfrage

info@crowberlin.de
Kundenservice / B2B

Partnerschaften

Neukund·innen & Kooperationen

b2b@crowberlin.de
kundenservice@crowberlin.de (Alias)
Buchhaltung

Rechnungen

Fragen zu Rechnungsstellung

buchhaltung@crowberlin.de

Eingesparte Emissionen

Jede Cargobike-Lieferung ersetzt eine Fahrt, die sonst mit einem klassischen Kurierfahrzeug gefahren würde. Grundlage: rund 700 gefahrene Kilometer pro Tag über die gesamte Flotte, mit 160 g CO₂ eingespart pro Kilometer, verteilt auf unsere Betriebszeiten Mo–Sa, 9–18 Uhr.

Heute
Gestern
Diesen Monat
Letzten Monat
Dieses Jahr
Letztes Jahr
Insgesamt seit 2017
Ersetzte Fahrzeug-Kilometer

Unternehmen, die auf uns zählen

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Berliner Kurier·innen Blog

Einmal im Monat schreibt ein Mitglied der Kooperative eine Kolumne für die Kreuzberger Lokalzeitung Kiez und Kneipe, unter Kurier·innen-Codename statt Klarnamen. Hier sammeln wir sie chronologisch und in voller Länge. Zum Lesen anklicken.

Juli 2026 In jeder Hinsicht ausgeliefertModerne Sklavenarbeit bei Lieferdiensten #02 El Niño

Seit über 11 Jahren fahre ich Sendungen durch Berlin. Heute in unserer Kooperative, aber zwischen 2015 und 2019 habe ich auch Essen für Deliveroo ausgefahren. Ich kenne die Facetten dieses Jobs, und ich weiß wie es sich anfühlt, wenn die App einen taktet, und die Schritte kontrolliert werden. Aber ich sehe auch, dass sich in den letzten Jahren einiges verändert hat.

Wo sich damals Menschen von wirklich überall aufhielten und Pause machten, sehe ich heute viele junge Männer aus Südasien. Sie tragen die gleichen würfelförmigen Rucksäcke wie wir damals, sie haben den gleichen Job, das gleiche Wetter, die gleichen roten Ampeln. Aber ist es wirklich so gleich? Nein, denn ihre Situation ist fundamental anders als es meine war.

Viele von ihnen studieren, das ist inzwischen gut dokumentiert, an teils ominösen Privatunis. Einrichtungen, die mitunter ca. 12.000 € Jahresgebühren verlangen und für die sich die Studierenden noch in ihrem Heimatland verschuldet haben. Das Visum für die Einreise wiederum ist an die Einschreibung gekoppelt: wer also den Studienplatz verliert, verliert auch den Aufenthaltsstatus und damit alles. Es bleiben nur die Schulden und das Aus eines versprochenen Traums.

Hier hängen sich Plattformlieferdienste wie Wolt, Uber Eats & Co. wie Blutegel an das Konzept, um günstige Arbeitskräfte zu gewinnen, jenseits von Gewerkschaften und ohne eigene Lobby. Tausende südasiatische Studierende arbeiten in Berlin, Hamburg und anderen größeren Städten für sie. Die Plattformen beschäftigen sie dabei selten direkt; das erledigen Subunternehmer, manchmal zwei oder drei Ebenen tief, teils versteckt hinter Briefkastenfirmen. Es werden Löhne einbehalten, bar bezahlt oder an Bedingungen geknüpft, die mit Arbeitsrechten nicht vereinbar sind. Wer sich beschwert, fliegt, und ein Arbeitsrechtsstreit mit unsicherem Aufenthaltsstatus ist kein Kampf auf Augenhöhe, dessen sind sich alle Beteiligten natürlich bewusst.

Die Prekarität war real, als ich noch für Deliveroo fuhr. Kein festes Gehalt, kein Krankengeld, ständiger Druck. Der Unterschied war jedoch, dass ich hätte kündigen können. Und ich konnte auch auf die Straße gehen, streiken und sogar erfolgreich klagen, ohne zu riskieren, das Land verlassen zu müssen. Diesen Spielraum haben die meisten der Lieferfahrer*innen unter der Ägide von Plattformen heute de facto nicht. Ihr Visum sitzt mit ihnen auf dem Rad.

»Moderne Sklavenarbeit« wird dieses Prinzip sogar in wissenschaftlichen Untersuchungen mittlerweile genannt und zeigt auch: das ist keine Nische. Das ist Methode.

Quellen: PAM-Report zu Wolt-Kurier·innen · RTL Luxembourg zu Wolt-Verhandlungen · The Left Berlin zu Wolt-Riders · rbb/NDR-Doku "Ausgeliefert!" · taz zu indischen Studierenden · Sozialismus von unten: "Moderne Sklaverei" · Tagesspiegel zu Visa-Ausweisungen

Juni 2026 Du bist nie alleinBerlin und die ECMC #M aus Mailand

Als Kurierin aus Italien nach Berlin zu kommen, ohne jemals zuvor hier gewesen zu sein und zunächst niemanden zu kennen, kann einen überraschen und ein wenig desorientiert zurücklassen; aber zum Glück ist die Community der Fahrradkurier*innen sehr stark und immer bereit, einen willkommen zu heißen. Wahrscheinlich weil wir am Ende des Tages alle unter derselben Sonne oder im selben Regen in die Pedale treten, selbst wenn unsere Straßen verschieden sind.

Ich hatte auch nicht geplant, an der ECMC (European Cycle Messenger Championship, siehe KuK 05/2026) teilzunehmen, und doch fand ich mich mittendrin wieder. Alles begann damit, dass einige meiner Freunde von Milano City jemanden brauchten, der Liquid Roads (ein WTNB* Cycling Collective) bei diesen Meisterschaften vertreten sollte. Die Aufgabe war einfach: einen der Checkpoints während des Hauptrennens betreuen!

Das bedeutete: früh morgens aufstehen, um den Parcours auf dem Tempelhofer Feld vorzubereiten, Menschen suchen, weil man nicht weiß, wohin man soll, Absperrungen und Tische mit den Fahrrädern umstellen, verschiedene logistische Hürden überwinden, gegen den Wind kämpfen – und dann endlich der Start des Rennens!

Man könnte sich zu Recht fragen, warum man sich das alles antut für etwas, das die Arbeit simuliert, die wir jeden Tag auf der Straße erledigen. Ich weiß es nicht genau, aber was wir hier tun, bereitet uns eindeutig Freude; es macht uns sichtbar. In diesem Moment wartet kein Kunde auf uns und kein Gehaltsscheck – es ist einfach unser Spiel.

Wir sind alle zusammen, helfen einander, damit ein Moment entstehen kann, der uns repräsentiert – einer, in dem wir jene Werte wiedererkennen, die uns vielleicht dazu gebracht haben, diesen Beruf zu wählen. Es sind nicht nur vier Tage voller Rennen, sondern eine Gelegenheit, zusammenzukommen, Ansichten auszutauschen, Ideen und Gedanken darüber zu teilen, was um uns herum geschieht.

Ich habe so viel aus dieser Erfahrung mitgenommen, aber vor allem habe ich erkannt: egal, in welche Richtung man auf dem Tempelhofer Feld fährt – man hat immer den Wind gegen sich.

#M wird bis Ende August Teil von CROW Courier sein, einer von Mitarbeitern geführten Kurierkooperative, die sich zum Ziel gesetzt hat, Autos durch Fahrräder zu ersetzen. Konkret geht es darum, die Lebensqualität für alle durch Lieferungen mit Lastenrädern und Fahrradreparaturen zu verbessern – ganz ohne Chefs. Infos unter crowberlin.de

Mai 2026 Die Kürung der Kur(ier)fürst*innenECMC ist nach 30 Jahren zurück in Berlin #02 El Niño

Im Leben der global vernetzten Kurier·innencommunity gibt es ein paar Veranstaltungen im Jahr, an denen sich weit über die Grenzen der eigenen Stadt oder gar des eigenen Landes hinaus ausgetauscht, wiedergesehen und, ganz sportlich, auch gemessen wird: die CMCs. Ganz kosmopolitisch gehalten auf englisch, bedeutet CMC Cycle Messenger Championship und in unserem Fall dieses Jahr mit dem E für European davor.

Ganz recht, die Berliner Community richtet, wie zuletzt im Jahre 1996, die Europameisterschaften der Fahrradkurier·innen aus. Ein Event über 5 Tage mit sozialen Aktivitäten und Partys, doch im Zentrum steht das sogenannte Main Race, das Hauptrennen.

Hierfür haben wir es geschafft, das Tempelhofer Feld als abgesperrte und offizielle Rennstrecke genehmigt zu bekommen, was das Wochenende des 16. und 17. Mai damit zum absoluten Magneten des Events machen dürfte.

Auf gutes Wetter und damit viele Zuschauer hoffend, nehmen auf einer über 6 km langen Rennstrecke mit 13 Checkpoints die Teilnehmenden eine ganze Reihe an Prüfungen auf sich. Denn bei einer CMC geht es nicht nur um schnelle Beene, sondern auch um schlaue Köppe. Nur wer sich die Strecke, die aus einer Vielzahl an Einbahnstraßen besteht, gut einprägen und obendrein im vollen Pedaltritt noch die richtige Reihenfolge der Checkpoints je nach Aufgabenstellung berechnen kann, schafft es aufs Podium.

Durch eine Vielzahl an lokalen, regionalen und internationalen Sponsoren mitfinanziert, wird unsere Veranstaltung wie jedes Jahr in einer anderen Stadt zu einem wichtigen Austauschpunkt für Kurierfahrende, aber auch für Interessierte und Freund·innen. Weder die Teilnahme am Rennen noch die an anderen Teilen des Events sind restriktiv, jeder Mensch mit Lust darf, gegen Entrichtung der Gebühr, teilnehmen.

Fahrradkurier El Niño #02 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beitragen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

April 2026 Mein erstes MalTraumjob Fahrradkurier #45 El Vino

Es ist März und ich habe gerade meinen ersten Winter als Fahrradkurier überstanden. Während ich mit meinem Omnium, einem unter Kurieren beliebten Lastenrad, wie so oft an meinem alten Büro unweit des CROW-Hauptquartiers, das wir liebevoll »das Nest« nennen, vorbeifahre, überkommt mich ein Gefühl der Erleichterung. Ich bin froh, die vermeintliche Sicherheit und den Komfort des Bürostuhls gegen den harten Fahrradsattel eingetauscht zu haben.

Im Rahmen meines ersten Jobs nach der Schulzeit verantwortete ich in regelmäßigen Abständen den Empfangsbereich eines großen Unternehmens. Heute erinnere ich mich oft daran zurück, wie ich schon damals hinter dem Empfangstresen sitzend die ein- und ausgehenden Kuriere bewunderte. Sie wirkten wie Freigeister, die sich, entgegen aller Widrigkeiten, weigerten, sich den Dogmen unserer modernen Welt zu unterwerfen. Alles, was sie zu benötigen schienen, war lediglich ein schlichtes Fahrrad und die Hoffnung auf gutes Wetter.

Trotzdem verbrachte ich den Großteil meines späteren Berufslebens in der Welt eintöniger Corporate Jobs. Was anfangs als Überbrückung gedacht war, bis aus meiner andauernden Selbstfindung etwas Besseres erwächst, wurde aus Gründen der Existenzsicherung und Mutlosigkeit zum Dauerzustand ohne Ausweg. Mit den Jahren rückte die Vorstellung eines beruflichen Neuanfangs in weite Ferne.

Die Wendung kam erst mit einer persönlichen Krise. Als ich mich gezwungen sah, mich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, was ich beruflich gern täte, wenn ich losgelöst von äußeren Zwängen und Erwartungen frei wählen könnte, kam es mir schlagartig wieder in den Sinn: Fahrradkurier. Meinen Selbstzweifeln zum Trotz entschloss ich mich in diesem Moment, es wenigstens zu probieren und bewarb mich kurz darauf bei CROW.

Das Kurier-Dasein hat seitdem mein Leben verändert. Auch die Tatsache, dass ich immer noch zwei Tage pro Woche in einem Büro arbeite, ist schnell vergessen, sobald ich mir wieder die Kuriertasche umschnalle und in die Pedale trete.

Fahrradkurier El Vino #45 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beitragen. Infos unter crowberlin.de

März 2026 Zusammen reparierenWerkstatt für alle #39 Huile Smith & #41 The Knife

Das Fahrrad ist ein günstiges und unkompliziertes Verkehrsmittel, das nichts anderes als ein bisschen Muskelkraft benötigt, um damit längere Strecken schneller und effektiver zurückzulegen als etwa zu Fuß. Angenehmer als das Fortbewegen mit Bus und Bahn oder dem Auto ist es allemal, gerade im Berufsverkehr. Und günstiger sowieso: In Berlin lässt sich ein gebrauchtes, funktionierendes Rad für wenig Geld auf dem Flohmarkt finden. Eigentlich sind nur die Reparaturen teuer.

Hier kommen Selbsthilfewerkstätten ins Spiel: Die Grundidee ist, den Besitzer·innen dabei zu helfen, ihre Fahrräder selbst instand zu halten, indem sie Kenntnisse vermitteln und Werkzeuge bereitstellen. Wenn man weiß, wie ein Gegenstand technisch funktioniert, kann man ihn nachhaltiger nutzen und bei einem Defekt reparieren.

Selbsthilfewerkstätten unterstützen Radfahrer·innen bei einer günstigen Reparatur, sie müssen nicht mehr für den professionellen Service eines Fahrradgeschäfts bezahlen, der in so manchen Fällen wirklich kostspielig sein kann. Wenn Radfahrer·innen in der Lage sind, platte Reifen zu flicken oder abgenutzte Bremsbeläge auszutauschen, ist das nicht nur besser für ihren Geldbeutel, sondern animiert auch mehr Leute dazu, überhaupt aufs Rad zu steigen.

Außerdem operieren Selbsthilfewerkstätten an den Rändern des kapitalistischen Produktions- und Konsum-Systems, in dem Fahrräder hergestellt werden. Sie wirken der Tendenz entgegen, sich neue Ersatzgüter anzuschaffen, anstatt sie zu reparieren, und leisten damit ihren Beitrag zur Energiewende.

Auch in Kreuzberg gibt es einige Selbsthilfewerkstätten: die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt in der Regenbogenfabrik, die Fahrradwerkstatt Velo-Fit der Berliner Stadtmission, die ADFC-Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt und die Fahrradwerkstatt Bauhütte Kreuzberg e.V.

Fahrradkurier·innen Huile Smith #39 & The Knife #41 gehören zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beitragen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise.

Februar 2026 StatusabfrageWie geht's uns? #02 El Niño

»Frohes Neues! Man darf doch noch, oder?« – »Danke, auch ganz ok, und selber?« – »Froh, dass das Jahr vorbei ist, wa? Jaha, oh Mann ey, ich auch! So wie siehts denn aus?«

Naja, es gibt Fortschritte, das stimmt schon: mehr Radwege, Kiezblocks, Fahrradstraßen. Immer mehr Menschen steigen aufs Rad um; das ist gut fürs Klima, den Verkehr und die Lebensqualität. Doch die Realität hinkt hinterher. Seit 10 Jahren fahre ich als Radkurier durch Berlin und beobachte, wie der Ausbau stockt. Budgets werden gekürzt und viele Radwege enden plötzlich oder sind so schlecht geplant, dass sie gefährlich sind.

Warum das alle betrifft? Eine fahrradfreundliche Stadt ist eben nicht nur für Radfahrer gut. Autos verursachen enorme Kosten. Straßenreparaturen, nötig geworden durch die Vielzahl immer schwerer werdender Fahrzeuge, Abgase, die unsere Gesundheit belasten und Unfälle, die das Gesundheitssystem und die betroffenen Menschen mitunter sehr teuer zu stehen kommen. Parkplätze? Privater Besitz auf öffentlichem Raum, für den alle zahlen.

Weniger Autos bedeuten weniger Staus, weniger Lärm, weniger Abgase und mehr Platz für alle. Kinder können sicherer spielen, Cafés können ihre Tische auf die Straße stellen, und die Luft wird sauberer. Doch statt konsequent umzubauen, wird halbherzig geplant. Die Politik feiert kleine Minimalerfolge als etwas ganz Großes, während Aktivisten und Gruppen wie Changing Cities oder der ADFC weiter für sichere Radwege kämpfen müssen. Berlin könnte Vorreiter sein, ein strahlendes Vorbild mit seinen einzigartigen Möglichkeiten und weiten und breiten Straßen, doch dazu braucht es mehr Tempo, mehr Geld und vor allem: mehr Willen. Wir wollen und brauchen eine Stadt, die Radfahrende schützt. Nicht nur weil es fair ist, sondern weil es für alle besser ist: die Umwelt, den Geldbeutel, die Gesundheit.

Also: Druck machen, drüber reden, mitfahren, fordern! Denn eine bessere Stadt ist möglich, und wir könnten es alle besser haben. Ohne Milliardäre und mit weniger Autos, dafür mehr für alle. Und immer dran denken, wenn sich irgendwas ungerecht anfühlt: Trickle down geht nur, wenn's oben schmilzt!

Fahrradkurier »El Niño 02« gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beitragen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

Januar 2026 Appell ans Gewissen der MachtWarum Moralismus bei der CDU nicht hilft #41 The Knife

Seit Anfang Dezember steht eine Bronzestatue des vor mehr als sechs Jahren von einem Rechtsextremisten ermordeten Walter Lübcke vor der CDU-Parteizentrale. Sie solle die Christdemokraten an ihre Verantwortung erinnern, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten, heißt es vonseiten des für die Aktion verantwortlichen »Zentrum für politische Schönheit«. Kuscheltiere, Blumenkränze und Deutschlandfahnen säumen seither die Statue.

Abgesehen davon, dass die CDU sich unter Merz einer Rhetorik bedient, die von derjenigen der AfD kaum noch zu unterscheiden ist: Von welcher Verantwortung sprechen die Liberalen, an die die Christdemokraten bloß erinnert werden müssten? Wer genauer hinschaut, weiß: Die Zusammenarbeit ist längst vollzogen: auf lokaler Ebene ist sie Realität, und im Bundestag wurde Anfang des Jahres ein migrationsfeindlicher Antrag der CDU mit den Stimmen der Rechtsextremen angenommen. Wohl wissend, dass die notwendige Mehrheit nur mit der AfD zu bekommen war.

Da regt sich mal Widerstand und schon wird er kleingeredet – und das ausgerechnet von links, höre ich die Liberalen rufen. Nur diktiert die Zeit auch notwendige Formen des Widerstands.

Berufspolitiker*innnen haben sich schon immer an ihrer Machtposition bereichert. Allerdings sind sie, wenn ein Skandal öffentlich wurde, infolge des öffentlichen Drucks dann auch zurückgetreten. Diese Zeit ist vorbei. Heutzutage muss Lobbyarbeit nicht einmal mehr verheimlicht werden: Nestlé, Maskendeals, Autoindustrie – an wessen Verantwortung soll erinnert werden, wenn Berufspolitiker*innen zu Marionetten des Kapitals geworden sind?

Es braucht adäquatere Formen des Widerstands als das Aufstellen einer Statue, mit der an Verantwortung und Moral der Herrschenden appelliert wird. Formen des Widerstands, die empfindlicher treffen. Wie die aussehen könnten, beschreibt etwa der schwedische Politikjournalist Andreas Malm in seinem Buch »Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen« beispielhaft anhand sozialer Kämpfe im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe: Je länger taktiert und verzögert wird, umso drastischere Mittel müssen eingesetzt werden, um verheerende Folgen abzuwenden. Im Notfall auch Sabotageaktionen. Denn eins steht fest: Mit Nazis an der Macht wird es für alle noch schlechter, nur für die Reichen nicht.

Fahrradkurier The Knife #41 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

Dezember 2025 Es ist rot!Über den festen Glauben an kirschgrün #02 El Niño

Wieso auch immer es sich Autofahrer (nahezu immer männlich) zum Ziel machen, so bedrohlich wie möglich wirken zu müssen, um ganze sieben Sekunden früher an einer dann doch roten Ampel sein zu können, wird mir für immer schleierhaft sein.

Heute kam es ganz dick. Die Kreuzung zugestellt, die Ampel springt um. Es fuhren noch ganze vier Fahrzeuge, darunter zwei lange Transporter, über die bereits rot stehende Ampel mitten in den ganzen Haufen hinein. Fußgänger*innen? Können nicht mehr queren. Radfahrende? Keine Chance.

Wofür? Für absolut nichts andere Menschen in Gefahr gebracht. Ist das, wie ihr, liebe Autofahrende, in dieser Welt selbst auch behandelt werden wollt? Denn gerade aus der Ecke kommen ja die Beschwerden über respektlose Radfahrende. Warum? Weil eure Missachtung einfach so verdammt sauer macht, deshalb!

Hinter einem Rad verliert ihr vielleicht ein paar Sekunden eurer Zeit. Unter euren Autos verlieren wir aber unsere Gesundheit und immer häufiger unsere Leben.

Wenn ich mal auf die Seite der Autofahrenden wechsle, was leider häufiger passiert, als mir lieb ist, nehme ich besondere Rücksicht auf alle, die nicht in Stahlwaffen sitzen. Ich bremse, halte früher, fahre langsamer, lasse vor. Und immer, ja, immer, wenn ich das tue, stehe ich an der nächsten Ampel mit denen, die ohne Rücksicht durchballern müssen.

Also, wie wär's? Ein Friedensangebot: Wir bedanken uns jedes Mal, wenn ihr uns Rücksicht zeigt, uns leben lasst, uns einseitig den Vorzug gebt, und im Gegenzug macht ihr es für jedes erhaltene Mal Dankeschön gleich noch zwei weitere Male. Ihr werdet sehen, ihr kommt immer noch genau so schnell an, aber mit deutlich besserer Laune!

Fahrradkurier El Niño #02 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen.

November 2025 Es wird grau, mach dich schlauDie Stadt ist gar nicht so scheiße! #02 El Niño

»Och nö ey, jetzt geht das schon wieder los« – so oder so ähnlich geht es bestimmt vielen von uns, wenn das Oktoberende mit Zeitumstellung, Nässe und Stürmen einhergeht. Jetzt wird's wieder happig schnell dunkel, grau ist's eh viel, und sobald die Flammfarben aus den Bäumen geweht sind, erübrigen sich vielerorts die Mühen, den Kopf zum Blick zu heben: alles bloß Beton.

Doch anstatt wie üblich die Aufmerksamkeit den schnöden Displays jeder Form und Größe zuzuwenden (Doomscrolling, TV, Zockerei, Streaming, Streaming, Streaming) gibt der Herbst und aufkommende Winter eigentlich jede Menge Gelegenheit, sich Dingen im eigenen Kiez und darüber hinaus zuzuwenden, die eine große und kulturell bedeutsame Stadt wie Berlin bietet. Also statt sich nur noch vermummt zur Mumie einzumummeln und bräsig zu überwintern zu versuchen, könnten wir die Deprinummer doch von hinten durch den Rücken mit Bock auf Neues abstechen – ein Freudenmord sozusagen!

Also dann – warst du schon mal in der Køpi? Da gibt's 'ne Siebdruckwerkstatt gegen Spende! Frisch ein paar deiner Klamotten auf, prahle mit strahlendem Logo auf dem Wintermantel, der sonst meist ja eh nur zweckdienlich ist!

Wenn's kalt wird, sind die mittlerweile recht zahlreich vorhandenen unabhängigen Saunaprojekte zu empfehlen, die sowohl die Un- wie auch die Verfrorenen zu gemeinsamer Schwitzerei einladen.

Wie zu jeder Jahreszeit braucht's auch im Winter gutes Essen! Die KüFa (Küche für Alle) genannten Projekte gibt's über die ganze Stadt verteilt nahezu an jedem Tag der Woche! Günstiges und leckeres Essen, oft aus geretteten Nahrungsmitteln zubereitet, serviert von netten Menschen mit Herz unterm Hemd. Hilft auch bei Einsamkeit!

Wie wäre es mit Schach mit Fremden? Das Projekt Stranger Chess lädt dich an verschiedene Orte ein, um mit beliebigen Personen über eine Partie Schach ein bisschen deines Alltags loszuwerden.

Auf der Berlin Remap Karte gibt's saisonal passende Angebote, wo du Material von zu Hause entweder sinnvoll verwerten, aus-, auf- und verbessern kannst sowie jede Menge neuer Techniken zur Reparatur verschiedenster Dinge erlernen kannst.

Also worauf wartest du, mach den Bildschirm aus und Füße in die Schuhe – auch die ach so graue Welt da draußen wartet auf dich.

Fahrradkurierin El Niño #02 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

Oktober 2025 Just one more lane, bro!Die neue A 100 ist ein Fiebertraum #06 El Perro

Nachdem viel über den neuen Teilabschnitt der A 100 berichtet wurde, hatte ich selbst endlich die Gelegenheit, dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst zu befahren und quasi von innen heraus zu bestaunen. Und was soll ich sagen? Es ist wirklich beeindruckend!

Die technischen Herausforderungen, die hier bewältigt wurden waren offensichtlich enorm. Brücken, Tunnel, Verkehrsleitsysteme, Auf- und Abfahrten, Schallschutzwände … Allein schon die logistische Planung der Baustelle sprengt die Vorstellungskraft des Nichtingenieurs. Dieses Megaprojekt ist ein absolut beeindruckendes Zeugnis menschlicher Schaffenskraft.

Nachdem ich dieses 3,2 Kilometer lange Opus Magnum der parteiübergreifenden Berliner Stadtplanung hinter mir gelassen hatte, beschlich mich allerdings eine vage bekannte Frage aus der Vergangenheit. Ein Echo einer Frage, die mich das letzte Mal ereilte, als ich in den USA einen stillgelegten Flugzeugträger besuchte. Was für ein Koloss das war! Produkt einer unfassbaren Menge an Zeit, Material, Energie und Talent. Sehr viele, sehr intelligente Menschen waren an dessen Erschaffung beteiligt. Eine Zerstörungsmaschine sondersgleichen.

Die Frage von damals, die nun zwischen den Schallschutzwänden widerhallte, war: Was für Utopien wären mit all diesen Ressourcen machbar?

Am Beispiel Paris sieht man gerade in Realtime, was möglich ist, wenn man beschließt, Autozentrismus hinter sich zu lassen.

Forschungsergebnisse bestätigen schon lange das Konzept der induzierten Nachfrage und zeigen, dass eine erhöhte Straßenkapazität zu mehr Fahrzeugverkehr führt. Ein gewisser J. J. Leeming hat das schon 1969 erkannt.

Berliner Stadtplaner lassen sich von den Meinungen solcher Extremisten zum Glück nicht beirren: Just one more lane, bro!

Was für Utopien wären mit all diesen Ressourcen machbar?

Mit dieser Frage ließ ich 3,2 Kilometer deprimierende Sinnlosigkeit hinter mir.

Die Baumeister, die diese Leistung vollbracht haben, haben das größte Denkmal Berlins in Beton gegossen. Quer durch ein ganzes Stadtviertel.

Für ein Jahrhundertdenkmal reicht das aber noch nicht. Abschnitt 17 wird es richten. Ein Denkmal für die Ignoranz.

Wer braucht schon Utopien?

Fahrradkurier El Perro #06 gehört zum Fahrradkurierdienst CROW, welcher Autos durch Lastenräder ersetzt und damit auch zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt. Der nachhaltige Kurierservice fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

September 2025 Zum Lesen auf der StraßeZwischen Autos und gutem Gewissen #38 Huile Smith

Mitten im Sommer tut die Stadt so, als würde sie sich leeren. Ich komme vor sieben beim Bäcker an. An einer Ecke des Bürgersteigs, in einem Hauseingang, liegt ein Stapel grauer Kleidung, darunter ein Mensch. Er rührt sich nicht, aber ich kenne ihn. Manchmal hält er die Tür auf, umgeben vom Duft der Croissants. Normalerweise schläft er zusammengerollt an einer Wand, bevor der Laden öffnet. Ist er okay? Ich hatte keine Zeit nachzusehen; gestern waren es über 35 Grad und heute auch.

Insbesondere in Berlin ist es aufgrund des städtischen Wärmeinseleffekts bis zu 3 °C heißer als in den umliegenden Regionen, insbesondere nachts. Diese anhaltende Hitzebelastung gefährdet besonders ältere Menschen, Schwangere, Menschen mit Vorerkrankungen und Menschen in schwierigen Lebensumständen.

Ich hatte eine Diskussion mit einem Schulfreund. Er weigerte sich, Obdachlosen Geld zu geben, und erklärte, diese Geste würde ihre prekäre Situation nur verschärfen. Diese Worte gingen mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Diese Woche sah ich ihn wieder: müde, aber am Leben. Ich war erleichtert, obwohl ich das Mal zuvor nichts getan hatte.

Diese kurze Geschichte hat keine Moral. Sie zeigt nur, dass wir uns um andere kümmern und unser Bestes geben müssen, um unterstützend und hilfreich zu sein. Ich schäme mich, nichts getan zu haben, und ich weiß, dass dieses Gefühl berechtigt ist. Die Hilfe der Behörden ist minimal, es liegt also an uns, so gut wie möglich zu helfen.

Fahrradkurierin Huile Smith #38 gehört zu CROW Courier. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise.

August 2025 Hast du, was du brauchst?Und wenn nicht, wer bringt's dir? Tūbe

Manchmal sag ich: Ich bin Fahrradprofi geworden! Denn es stimmt: seit Februar fahre ich als Kurier*in für Crow. Leute fragen mich, ob das nicht wahnsinnig anstrengend sei. Ob es nicht irrwitzig gefährlich sei. Ob mich die Autos nicht stressen würden. Die Menschen. Der Lärm.

Und ja: Es gibt Tage, die richtig anstrengend sind. Wenn ich einen schlechten Tag habe, wenn Berlin einen schlechten Tag hat, wenn's nach 5 Monaten Trockenheit auf einmal 2 Wochen dauerregnet. Und wenn einfach viel los ist, die Kolleg*innen krank sind und Ute Bonde schon wieder Blödsinn auf Instagram postet.

Und klar ist's gefährlich, mit dem Lastenrad den ganzen Tag im Verkehr zu schwimmen. Gefährlicher zumindest, als das nicht zu tun, wie könnte ich das abstreiten?

Aber ich bin gerne da draußen. Ich mag den Dreck, den Lärm und sogar die Autos, so seltsam das auch von einer Fahrradkurier*in klingen mag. Wir sind alle verbunden in dieser Stadt. Nirgendwo wird mir das klarer als auf der Straße.

Wenn ich fahre, sehe ich die anderen Bot*innen und Handwerker*innen. Ich treffe die Büromenschen und die Leute in den Cafés: vorne essend und trinkend, hinten kochend und schleppend. Ich begegne Schüler*innen, Eltern und Tourist*innen. Ein Mensch wirft Müll auf die Straße. Ein anderer hebt ihn auf. Ich sehe, wer früh rausgeht, wer spät heimkommt und für wen sich die Frage gar nicht stellt, weil das »heim« einfach Berlin ist.

Ich fahre für die alle. Ich fahre für euch.

Früher hab ich Unternehmensberatung gemacht: Ich erklärte Leuten Organisationsformen, fuchste mich in Arbeitsstrukturen ein und saß mit Menschen zusammen über der Frage: Wie können wir hier besser zusammenarbeiten?

Es ist ein guter Beruf. Wenn mich wer fragt, denk ich mich immer noch gerne in anderer Leute Welten ein. Ich hab wirklich nix gegen Büroarbeit und Weltwirtschaft und Optimierungen und Telekommunikation und Produktion und den DAX …

Aber wenn mich grad keiner fragt: Dann fahr' ich dein Brot aus. Kaffeebohnen. Wein. Ich bring deine Blutproben zügig ins Labor und Kameras pünktlich ans Set. Ich bring' den vergessenen Schlüssel zum Flughafen und dein Dokument in die Botschaft.

Wie wäre das, wenn alle grad hätten, was sie brauchen? Wenn das alles einfach wäre? Wenn wir gut füreinander da wären, mit Geduld, Leichtigkeit, und Freude am Tun? Ich fahr' wirklich gerne Fahrrad. Und ihr alle fahrt mit.

Fahrradkurierin Tūbe gehört zu CROW Courier. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

Juli 2025 Klimatischer Egoismus?Resümee einer Lektüre #38 Huile Smith

»Den Klimawandel bemerken wir nicht, indem uns plötzlich etwas auf den Kopf fällt.« Was der Forscher Albert Moukheiber damit meint, ist, dass unser Gehirn auf unmittelbare Reaktion programmiert ist und sich schwer tut, mit unsichtbaren und verzögerten Bedrohungen umzugehen.

Hinzu kommt, dass wir unbewusst Informationen auswählen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Das erklärt, warum sogar sensibilisierte Menschen Verhaltensweisen beibehalten, die im Widerspruch zu ihren Überzeugungen stehen. Der Schlüssel liegt im Verständnis dieser Mechanismen, und die Analyse eines Verhaltens sollte in Bestandteilen erfolgen: Vorprägung, direkte Umgebung und materielle Bedingungen. Und den Fokus justieren, denn die Gründe für einen Autounfall über die Karosserie zu analysieren, macht nur bedingt Sinn, aber auf den Ort des Unfalls zu schauen, ist immer relevant.

In seinem neuesten Werk »Neuromania« zerlegt Moukheiber die vorgefassten Meinungen über unser Gehirn angesichts der ökologischen Herausforderungen und enthüllt, wie die Funktion des Gehirns manchmal als Ausrede für Klimapassivität dient. Die Neurowissenschaften werden zudem oft instrumentalisiert, um schädliches Verhalten zu rechtfertigen.

Das Buch bietet eine Kritik der »Neuromythen«, die den ökologischen Übergang behindern. Albert Moukheiber zeigt, dass unser Gehirn viel plastischer und anpassungsfähiger ist, als in Diskursen behauptet. Dies eröffnet Perspektiven für ökologisches Engagement und hebt die Bedeutung der materiellen Bedingungen in der Umwelt hervor: Wenn zum Beispiel die Menschen weiterhin in großen Mengen Fleisch konsumieren, liegt das auch daran, dass es überall zu haben ist.

Und es gibt eine mediale und politische Tendenz, das individuelle Handeln als erste Ebene der Bekämpfung des Klimawandels zu stilisieren, obwohl es sich um ein durch und durch systemisches Problem handelt.

Wandel muss auf der Ebene von Politik und der Institutionen erfolgen. Und den Einzelnen zu beschuldigen, nicht in seinem eigenen Ausmaß aktiv zu sein, ist eine Form von Egoismus.

Fahrradkurierin Huile Smith #38 gehört zu CROW Courier, die Lieferautos durch Lastenräder ersetzen und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beitragen. Der autofreie Berliner Kurierdienst fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

Juni 2025 Lass mich dein Esel seinStrava Mules schwitzen wirklich #02 El Niño

Du willst auf Strava o.ä. glänzen, aber dir fehlt die Zeit, die Fitness oder einfach die Motivation? Kein Problem – dafür gibt es mich. Ich bin Strava Mule. Mein Job ist einfach: Ich fahre, du erntest den Applaus.

Während du deinen Sonntagmorgen im Café verbringst, sitze ich auf dem Rad, trete Höhenmeter, kämpfe mich durch Wind, Regen oder pralle Sonne – alles mit deinem Strava-Account. Wenn du später auf dein Smartphone schaust, wirst du sehen, wie du eine epische Runde gefahren bist. Die Kudos hageln von selbst. Dein Selbstbild? Poliert.

Was wie Schummelei klingt, ist in Wahrheit eine Dienstleistung wie jede andere. Ich verkaufe keine gefälschten Daten. Ich fahre real, mit echter Anstrengung, echter Route, echtem Wetter, echtem Puls und echtem Muskelkater. Nur eben nicht in meinem Namen.

Warum Menschen das buchen? Die Gründe sind vielfältig. Einige wollen sich selbst motivieren. Andere möchten sich in ihrer Community behaupten. Social Media kennt keinen Leistungsausweis – nur Performance. Und ich liefere sie.

Natürlich weiß ich, dass viele das kritisch sehen. Aber mal ehrlich – in einer Welt voller gefilterter Körper, KI-generierter Texte, gekaufter Follower und retuschierter Realität ist ein Strava Mule fast schon charmant analog. Ich trete selbst. Ich schwitze wirklich. Ich bin der Muskel hinter deinem Mythos.

Fahrradkurier El Niño #02 gehört zum Fahrradkurierdienst CROW, welcher Lieferautos durch Cargobikes ersetzt und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt.

Mai 2025 Die Stadt zurückerobernFahrrad fahren als Flinta* #38 Huile Smith

Ich habe angefangen, in einem Kollektiv von Fahrradkurier*innen zu fahren, doch bis vor kurzem habe ich mich nicht getraut, mein Fahrrad selbst zu reparieren. Jetzt nehme ich mich selbst als Radfahrerin wahr, ich repariere und fahre eigenständig.

Das Fahrrad ermöglicht mir einen freien Zugang zur Mobilität in der Stadt. Ich bin nicht abhängig von Verkehrsmitteln, dem Auto ... Die »Jungs« lassen mich normalerweise auch mehr in Ruhe, ich komme schnell dahin, wo ich hin will. Manchmal kann ich das Gefühl bekommen, dass die Straße mir gehört, mit dieser schönen Maschine in Menschengröße.

Es geht mir hier aber mehr um das Selbstbewusstsein als um die Mobilität von A nach B. Mit dem Fahrrad entscheide ich, wohin ich will und wie schnell ich dahin will. Das heißt auch, dass mir mein Körper wieder präsent wird, da ich mit meinen Muskeln das Rad bewege. Diese neue »Erfahrung der Mühe« hat mir sehr viel gebracht, eine süße, nicht zu intensive Alltagsfreude.

Das Fahrrad sollte aber nicht als Werkzeug der Befreiung von Flinta* betrachtet werden, da es noch viele Menschen gibt, die das nicht können oder einfach nicht mögen. Es kann trotzdem Vielen etwas bringen, die Politisierung und gleichzeitig Demokratisierung des Fahrradfahrens sind also wichtig.

Und es gibt in Berlin schon viele Flinta*-Initiativen rund um das Fahrrad: Social Rides, Flinta*-Alleycats, Selbsthilfewerkstätten … Ich hoffe jedenfalls, dass es noch viel mehr wird!

Fahrradkurierin Huile Smith #38 gehört zum Fahrradkurierdienst CROW, welcher Lieferautos durch Cargobikes ersetzt und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt.

April 2025 Radschläge noch und nöcherEs geht einfach nicht ohne #37 The Dentist

Radfahren hat mein Leben gerettet. Es ist einfach der mit Abstand anspruchsvollste, schönste und verrückteste Sport, und es kommt immer darauf an, wie man die Fahrt organisiert: ein kurzer Arbeitsweg wird zu einem Kurzstreckensprint, aus einem Rennen unter Freunden wird eine entspannte Kaffeefahrt, aus Langeweile wird aus einer schönen kleinen Runde eine Etappe der Tour de France. Doch egal welchen dieser Wege ich einschlage, die Ruhe im Kopf stellt sich sofort ein. Man tritt in die Pedale und der Schalter ist umgelegt.

Ein normaler Arbeitstag ist für mich mittlerweile undenkbar und einfach zu eintönig.

Fahrradfahren in Berlin, das war anfangs ein sportlicher Ausgleich, ich war Koch und die Abwechslung wurde extrem wichtig. Damals, lange vor Corona, brauchte ich diese Balance. Ich habe mir an einem Sonntag auf dem Flohmarkt am Ostbahnhof ein Klapprad gekauft und bin losgefahren.

Sofort angesteckt. Die Mischung aus lauen Sommernächten, ein paar Feierabendbieren (natürlich alkoholfrei, Zwinkersmiley), dem nicht so lauten Klappi und der wunderschönen nächtlichen Berliner Skyline bescherte mir wunderbare Heimfahrten. Ich wohnte zu der Zeit in der Nähe der Yorckstraße und musste von der Arbeit am Hackeschen Markt aus nach Hause fahren. Als Neuankömmling in Berlin kicken diese warmen Sommernächte dann nochmal anders. Alles ist lebendig und laut, die Straßen sind belebt, mein Grinsen unbesiegbar.

Ich musste mir dringend ein schnelleres Rad zulegen, denn der Drang nach Geschwindigkeit war groß. Natürlich war es ein altes Stahlross namens Monza, natürlich wurde ich abgezockt, und natürlich war das Rad ein Haufen Schrott, aber es war immerhin deutlich schneller und ich war endgültig infiziert. Die Gänge wurden am Unterrohr geschaltet, ohne Index. Da habe ich gleich etwas Neues gelernt. Hat anfangs nicht so gut geklappt, aber es macht ja auch Spaß, wenn die Kette so richtig auf der Kassette rasselt, und es gibt eine schöne akustische Atmosphäre. Mittlerweile bin ich ausgebildeter Mechaniker, Fahrradkurier, Bahnrahmenenthusiast und was nicht noch alles. Wenn ich das nicht mache, rette ich Leute aus abstürzenden Flugzeugen oder hole Katzen vom Mond runter. Doch dazu mehr demnächst in Teil 2.

Fahrradkurier The Dentist #37 gehört zum Fahrradkurierdienst CROW, welcher Autos durch Lastenräder ersetzt und damit auch zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt. Der nachhaltige Kurierservice fördert zudem eine kooperative Arbeitsweise. Infos unter crowberlin.de

März 2025 Kooperative SchönheitLaisser vivre #01 Rondo

Die Schönheit, als autofreie Lastenradkooperative in Berlin Lieferungen zu machen, liegt im praktischen Nutzen und in der Idee, im Einklang mit einer lebenswerteren Stadt zu agieren. Lastenräder sind mehr als nur Fortbewegungsmittel – sie symbolisieren Nachhaltigkeit, gemeinschaftliches Arbeiten und einen Beitrag zum Umweltschutz.

Arbeiten in der Kooperative bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, nachhaltig zu handeln und ein solidarisches Netzwerk aufzubauen. Hier gibt es wenig Streit um die großen Linien, sondern das klare Ziel, das Richtige zu tun. Das gemeinsame Arbeiten auf Augenhöhe stärkt das Miteinander und sorgt dafür, dass niemand im täglichen Stress verloren geht.

Trotz der politischen Spannungen im Land bleibt die Idee der Lastenradkooperative ein Beispiel dafür, dass wir, wenn wir unsere Kräfte bündeln, eine echte Veränderung bewirken können.

Die Arbeit in Kooperativen ist ein Statement, dass wir im Kleinen Großes erreichen können. Optimismus entsteht, wenn wir erkennen, dass wir mit unseren täglichen Taten einen positiven Unterschied machen können.

In Berlin gibt es viele Straßen, die darauf warten, mit Lastenrädern befahren zu werden. Es ist nicht nur ein Job, es ist eine Bewegung. Als Kooperative sind wir nicht nur ein Verbund von Kurier*innen, sondern Pioniere einer neuen Art des Arbeitens und Lebens.

Fahrradkurier*in Rondo #01 gehört zum Fahrradkurierdienst CROW, welcher Autos durch Lastenräder ersetzt und damit auch zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt.

Februar 2025 Lasst uns aufhören rumzumuskenSelbstverpflichtung ist kein Service #02 El Niño

Selbstverpflichtung im Bereich der Nachhaltigkeit erfordert Arbeit, genau wie in Beziehungen oder im Job. Wer seinen Teil zur Bekämpfung der Klimakrise leisten will, muss sich engagieren – es passiert nicht von selbst.

Ein Beispiel sind E-Autos und E-Bikes. Diese verlagern Umweltschäden, statt sie zu verringern. E-Bikes sind nur dann umweltfreundlicher, wenn sie Autos ersetzen, nicht aber, wenn sie herkömmliche Fahrräder substituieren. Und E-Autos lösen erst recht keine grundlegenden Probleme, sondern verschieben sie nur, vor allem von den sogenannten entwickelten Ländern in den globalen Süden.

Der vermeintliche Luxus, der Fortschritt und die Entwicklung, die wir genießen, basieren oft auf postkolonialer Ausbeutung. Rohstoffe werden weiterhin aus diesen Ländern extrahiert, was dort vergiftete Gewässer, Kinderarbeit und zerstörte Natur zur Folge hat.

Gleichzeitig befriedigen wir unseren Hunger nach vermeintlicher Nachhaltigkeit, ohne die tatsächlichen Kosten zu sehen. E-Autos sind keine Lösung, sie sind eindeutig Teil des Problems. Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Welt durch den Kauf von E-Autos besser wird.

Zukunft kann nur gelingen, indem wir Nachhaltigkeit als Ganzes betrachten: sozial, gerecht, umweltschonend und global.

Fahrradkurier El Niño #02 gehört zum Fahrradkurierdienst CROW, welcher Autos durch Lastenräder ersetzt und damit auch zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt.

Januar 2025 Verhalt dich so, als wärst du unsichtbarSurvival Guide für den Asphaltdschungel #06 El Perro

Die Fahrradinfrastruktur in Berlin hat sich in den letzten Jahren zwar deutlich verbessert, ist aber von gut noch weit entfernt. Basierend auf eigenen Erfahrungen aus einigen zehntausend Kilometern auf Berlins Straßen und dem Austausch mit anderen Fahrradkurieren habe ich ein paar Überlebenstipps zusammengestellt.

Verhalte dich so, als wärst du für andere unsichtbar. Gehe generell davon aus, dass du nicht gesehen wirst. Verlasse dich nie darauf, dass andere die Verkehrsregeln beachten und aufmerksam sind.

Halte dir Optionen offen. Versuche immer ein paar alternative Linien vor dem inneren Auge zu haben. Selbst wenn du gute Bremsen hast: fahre so vorausschauend, als hättest du keine.

Halte eine offene Autotür weit Abstand vom rechten Fahrbahnrand, vor allem, wenn dort Autos parken. Das ist per Gesetz dein gutes Recht, schafft dir Raum, um auf Gefahren zu reagieren, und verhindert, dass sich Autofahrer mit zu wenig Seitenabstand an dir vorbeidrängeln.

Suche Augenkontakt, vor allem in unübersichtlichen Situationen an Kreuzungen. Meide gefährliche Straßen, wenn möglich. Trage! Einen! Helm! Ich habe einen Menschen sterben sehen, weil er keinen Helm getragen hat, einen zweiten, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er überlebt hat, aus selbigem Grund. Und einen Dritten habe ich nur wegen seines Helms überleben sehen.

Glaube nicht, dass Unfälle hiermit ausgeschlossen sind. Shit happens, aber du wirst mit diesen Tipps dein Risiko minimieren können. Ride safe! :*

Fahrradkurier El Perro #06 gehört zum Kurierdienst CROW, welcher Autos durch Lastenräder ersetzt und damit auch zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt.

Dezember 2024 Von zu Hause nach HauseEine Cargobiketour #31 La Luz

»Keine Sorge, wenn es etwas gibt, was ich wirklich kann, dann ist es Fahrrad fahren«, sage ich den Eltern. Ich glaube nicht wirklich, dass ich das schaffe. Ich mache das Fahrrad fertig: Dichtungsbeutel für den Regen, Zelt, Isomatte, Schlafsack. Kochutensilien und Wasserflaschen. Kaffee, Porridge, Erdnussbutter, Bananen und viele Nüsse. Los geht's.

Heiße und trockene Tage, kalte und feuchte Nächte. Unerbittliche katalanische Berge und niedliche mittelalterliche Städte. Kaum befahrbare Pfade, beeindruckende Aussichten, die besten Abfahrten meines Lebens. Perpignan, lange Hügel, noch schlimmere Trails, Weinberge. Es regnet zum ersten Mal und sehr viel. Neunter Tag. Trockenpause in Béziers zur Routenplanung: Bei diesem Tempo brauche ich einen Monat bis Berlin.

Cevennen, Ardèche, Valence. Nebel setzt ein, kalte und feuchte Tage, viel kältere und feuchtere Nächte. Perfektes Timing, die Handschuhe zu verlieren. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Lager aufschlagen, aufwärmen, Tee trinken. Ich dehne mich, sende Nachrichten, koche Abendessen, schlafe ein.

Ein paar Stunden Sonnenlicht bei Straßburg. Jetzt glaube ich, dass ich das schaffen kann. Karlsruhe, Würzburg, Erfurt, Halle, Potsdam. Ich schaffe es wirklich! 9 volle Tage Regen und Nebel, was bedeutet »trocken«?

Von Potsdam bis Neukölln fühlt es sich an, als käme ich von einem Arbeitstag zurück. Wildes Zelten in Wäldern und Feldern, zwei Campings, ein Zimmer für dringend benötigte Duschen. 2147km und 19 Tage. Von 25°C bis 5°C. Von zu Hause nach Hause. Von Barcelona nach Berlin.

Fahrradkurier La Luz #31 gehört zum Kurierdienst CROW, welcher Autos durch Lastenräder ersetzt und damit auch zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt beiträgt.

November 2024 Sehende, die sich blind stellenPolitik von Anfängern gegen Fortgeschrittene #02 El Niño

Wieso auch immer es sich Autofahrer (nahezu immer männlich) zum Ziel machen, so bedrohlich wie möglich wirken zu müssen, um ganze sieben Sekunden früher an einer dann doch roten Ampel sein zu können, wird mir für immer schleierhaft sein.

Was dort also passiert, von höchster bis unterster Stelle, ist eine erneute Promotion des Autos als Allheilmittel, als Bindemittel unserer Gesellschaft. »Alle in die Autos!«, als wäre es ein Weckruf für die eingeschlafenen Mitmenschen, die dösig und teilnahmslos fast von ihren Fahrrädern fallen vor lauter Umweltbewusstsein. Mehr Autos, ja, lasst uns alles vollends verstopfen, bis sich überhaupt gar nix mehr bewegt.

Circa 2800 Tote und 366.000 Verletzte in 2023. Von den Toten circa ein Drittel nicht im Auto. Na, fällt was auf? Nein.

Politik gewordene Schizophrenie, zu deutsch: Realitätsverlust, anders kann man diese ultrareaktionären Moves gar nicht nennen. Vollkommen ignorant gegenüber den Fakten, die in den Universitäten festgestellt werden, deren Abschlüsse sie besitzen – welche ihnen wiederum erst erlauben zu sitzen, wo sie sitzen, um ebenjene Fakten zu ignorieren.

Der Berliner Fahrradkurier »El Niño #02« gehört zum Kurierdienst CROW, der sich darauf spezialisiert hat, Autos durch umweltfreundliche Lastenräder zu ersetzen.

Oktober 2024 Immer auf die Qualität achten!Kaffee und der Traum von Gerechtigkeit #35 Little Bird

Ich träumte, dass ich bei der Arbeit auf einer Bank döste. Überall um mich herum waren Cafés, die Americano, Flat White, Cortado und Espresso servierten. Käsespezialisten, die Käse mit Namen herstellen, die man nicht mal aussprechen kann, aber die Milch stammt von Kühen, die einen persönlichen Masseur haben. Ich hörte das Geplapper frischer, hipper Leute, die Hafer-Flat-Whites schlürften und darüber sprachen, woher sie ihre Bräune hatten.

Es ist wunderbar, dass es in Berlin so viele Menschen gibt, die genug Geld haben, um sich einen Lebensstil zu leisten, der nicht nur erfüllend ist, sondern auch gut für die Umwelt. Die dieses Schlürfen von Fair-Trade-Kaffee unterstützen können, und das ohne schlechtes Gewissen, denn sie haben 6 Euro für ihren Kaffee bezahlt, der vom anderen Ende der Welt kommt.

Um etwas Gutes für die Welt zu tun, muss man auch dafür bezahlen. Dazwischen sind wir, die Fahrradkurier*innen. Wir liefern fair (teuer) bepreiste Naturprodukte dorthin, wo sie konsumiert werden. Aber ist es fair, dass wir als dazwischen stehende Transporteur*innen uns ständig Sorgen machen müssen, ob wir unsere Miete bezahlen können? Dass wir krank werden?

In meinem Traum wachte ich auf und rief: »Was ist mit uns? Welchen Teil des Kuchens bekommen wir? Unsere Bräune hat seltsame Ränder und brennt wie Sau!«

In einer Stadt wie Berlin, in der Luxus und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen, werden diejenigen, die diesen Lebensstil möglich machen, oft vergessen. Wir liefern Ihr Biobrot und Ihre Naturweine aus, doch unsere Arbeitsbedingungen sind weit entfernt von dem glamourösen Umfeld, in dem wir arbeiten.

In meinem Traum habe ich Gerechtigkeit gefordert, in der Realität müssen wir sie weiterhin einfordern. Damit eine nachhaltige Zukunft möglich ist, muss sie für alle nachhaltig sein. Es reicht nicht aus, 6 Euro für einen Kaffee zu bezahlen, wenn die Menschen, die die Bohnen an Ihren Tisch liefern, kaum von ihrem Lohn leben können. Gerechtigkeit beginnt damit, dass man die unsichtbaren Hände anerkennt, die die Gesellschaft zusammenhalten.

Wenn Sie also das nächste Mal Ihren 6-Euro-Hafercappuccino schlürfen, denken Sie darüber nach, warum er so teuer ist und warum er nicht teurer ist.

September 2024 Nimm doch dein Auto!Wie man den Regen überwindet #22 El Loco

Ich habe keine Angst mehr vor Regen. Er ist da, er ist Teil der Umwelt, kein Virus der schlechten Laune und eigentlich eh nur nass. Einfältig? Vielleicht, aber wahr für mich.

Meiner Meinung nach fährt man auf einem leeren Radweg schneller zum Ziel, besonders wenn es schüttet! Grund: Kein Mensch will Regen erleben, alle verstecken sich in ihren Autos. Als ob nass werden tödlich wäre. Ja, angenehm, mit Heizung, mühelos, lachen sie über die Idioten, die den Regen voll mitnehmen. Und ich lache über sie, die ach so schlau und sicher sind – und trotzdem stillstehen. 10 Minuten später wird vielleicht die 4. oder 5. Ampelphase sie endlich um diese eine Ecke bringen. Ich habe dann schon ausgeliefert, ein paar Kilometer weiter. Ja, so sind die Radwege ganz leer und vergnüglich. Und ich fühle mich wie ein Kind, das im Wasser spielt. Irgendwann trocknet man wieder!

Jetzt aber zu den echten Tips: Erstmal geht es um die richtige Regenjacke, dann Regenhose, bis zu und über die oder gar in die Schuhe. Alles lückenlos geprüft. Für das Gesicht: Fahrradmütze mit Visier weit unten (das hilft so viel!) und für die letzten Tropfen in den Augen einfach mal eine Brille. Seitdem ich diese Kombination fahre, ist es kein Kampf mehr mit dem Regen. Es wird nur immer einfacher zu akzeptieren, es anzunehmen, bis hin zum Spaß!

Dopaminspiegel voll und das Gefühl, etwas Reales und Körperliches geschafft zu haben. Probiert es aus! Erfüllungsgefühl garantiert. Doch immer schön vorsichtig fahren, denn bei Regen werden viele Fußgänger verrückt und rücksichtslos.

Ich habe Regen gehasst – jetzt nehme ich ihn, wie er ist. Doch darauf bin ich nicht stolz. Ich bin stolz darauf, dass ich die Umwelt um ein Auto erleichterte. Und ich möchte zeigen, dass es für alle möglich ist, die gleiche Reise zu machen, um seine Widerstandsfähigkeit gegen dann schwindende Empfindungen wie Kälte und Nässe zu entwickeln. Wir können alle noch eine weitere Fahrt ohne Auto bewältigen. Einmal, ganz sicher. Dann doch noch eine. Wir können uns von der klimatisierten Luft emanzipieren, aus der Komfortzone herauskommen, die den Planeten tatsächlich umbringt.

Bequemlichkeit ist der Feind der Entwicklung. Im Sport, Leben und für die Erde. Schluss mit Ausreden. Just do it!

El Loco #22 ist Teil des arbeiter*innengeführten Fahrradkollektivs CROW, das sich zum Ziel gesetzt hat, Autos durch Fahrräder zu ersetzen. Und zwar durch Lastenradtransporte und Fahrradreparaturen, für eine bessere Lebensqualität für alle und ohne Chefs.

August 2024 Phänomenologie einer SendungDispogeschichten mit The Math #26 The Math

Y., eine sehr nette, aber etwas verwirrte Kundin, möchte ein Paket von München nach Stuttgart schicken. Zu Recht wendet sie sich daher an einen in Berlin tätigen Fahrradkurierdienst. Kein Problem, vom Büro aus kontaktieren wir R., einen anderen städtischen Kurierdienst, der wiederum mit S., einem europaweiten Expressdienst, zusammenarbeitet, der den Transport bestätigt. Ein paar Minuten später klingelt das Telefon, es ist Y. Sie hat vergessen anzugeben, dass das Paket erst ab 17:00 Uhr abgeholt werden kann. Kein Problem, ich rufe R. an, der ruft S. zurück und alles ist wieder in Ordnung.

Es ist 14 Uhr und diesmal ist es eine E-Mail von Y., die das kosmische Gleichgewicht stört. Das Paket liegt in einer Bar in München, aber es wird erst ab 17:30 Uhr jemand da sein. So kurzfristig ist es schwierig, die Abholung zu organisieren, aber ich werde es versuchen, sage ich Y. Dann ruft R. noch S. an. R. ruft zurück, kein Glück. Ich schreibe an Y. – keine Antwort. Ich rufe Y. an, die, ein neues Überraschungselement, gerade ein Flugzeug besteigt und daher bald nicht mehr auf dem Radar ist. Sie sagt, ich solle B. kontaktieren. »Wer ist B.?« – »Der Barchef in München.« – »Ah!« – »Ich schicke Ihnen die Nummer per E-Mail.«

Ich rufe B. an, der unter keinen Umständen um 17 Uhr in der Bar sein kann. Nein, niemand sonst habe die Schlüssel. »Gib dem Kurier meine Nummer« – »Das ändert aber nichts daran, dass er um 17:10 Uhr da sein könnte«, antworte ich. »Du gibst ihm einfach meine Nummer.« Dann rufe ich R. an, damit er die Nummer von B. an S. weitergibt. Jetzt müssen wir nur noch warten und die Daumen drücken. Und hier denke ich darüber nach, wie seltsam es ist, wie viel Aufmerksamkeit eine Handvoll Menschen einem einzelnen Paket schenken kann, das sie größtenteils nie sehen, nie anfassen und dessen Inhalt sie vor allem für immer ignorieren wird. Der Gedanke ist nur von kurzer Dauer. Es ist 18 Uhr und Feierabend.

Die Anrufe von B. gegen 19 Uhr bleiben unbeantwortet und werden nur denjenigen von uns Sorgen bereiten, die als erste am Morgen die Nachrichten kontrollieren. Doch kurz nach begonnenem Tag und entsprechendem anfänglichen Kopfzerbrechen die Benachrichtigung: Das Paket ist um 9:25 Uhr zugestellt worden.

The Math #26 ist Teil des arbeiter*innengeführten Fahrradkollektivs CROW, das sich zum Ziel gesetzt hat, Autos durch Fahrräder zu ersetzen. Und zwar mit dem eigenen Kurierdienst auf Lastenrädern, Cargobikeverkauf und Fahrradreparaturen, für eine bessere Lebensqualität für alle und ohne Chefs.

Juli 2024 Soldi, soldiÜberleben im (Anti-)Kapitalismus #02 El Niño

Ist schon interessant wie viel wir als Kollektiv über Geld reden. Preise, Kosten, Puffer, Budgets, Mieten, SEPA, GuV, EÜR, ZM, UVA, AfA, Inflation, Investition, Konto, Skonto, Saldi, Soldi, Zasta, Basta.

Eigentlich wollten wir nur gleichberechtigte Fahrradmenschen sein: gegen Autos, Faschismus, Diskriminierung und Ausbeutung. Doch die Realitäten des Aufbaus einer Kooperative kamen auf uns eingeprasselt wie so ein hübscher Berliner Sommerregen, der ratzfatz die Charlottenburger Unterführungen füllt.

Wir würden ja gerne ohne Kapitalismus auskommen, leben wie auf LeGuins »Planet der Habenichtse«, jeder trägt sein Teil bei, alle haben, was nötig ist. Die Geschichte im Buch nimmt dann eine etwas andere Richtung, aber bei uns ist ja eh ohne Moos nix los.

Giffey hätte in der Hand gehabt, es der nicht ganz so reichen Mehrheit etwas leichter zu machen, nicht dauerhaft mehr als die Hälfte der erschufteten Kohle allein fürs Dach überm Kopf raus- und in die Taschen wohngeldsubventionierter VermieterInnen reinzuwerfen.

Doch nein, wir wollen uns orientieren an sozial gescheiterten Städten wie Paris, wo Gutverdienende selbst als Paar keine komfortabel große Wohnung bezahlen können. Weitsicht nein danke, denn wer vermietet, hat anderen eine Grube gegraben, ohne selbst hineinfallen zu können. Und das System ist doch geil ausgedacht: Normalverdienende bekommen Wohngeld vom Staat, damit sie den von den VermieterInnen frei bestimmten Mietpreis zu zahlen imstande sind. DW enteignen im konzeptuellen Antipol.

Doch ich schweife ab. Fakt ist, auch im linken Kollektiv reden wir die ganze Zeit über Geld, weil wir dazu gezwungen sind, uns ständig damit zu beschäftigen. Kund*innen finden toll, was wir tun, aber nicht den Preis, den es hat. Wir leisten mehr, weil wir aus eigener Pionierkraft Autos ersetzen, aber für die Mehrleistung auch mehr zu verlangen, ist dann doch wieder zu viel. Und doch, um noch teurer zu werden, damit wir uns selbst komfortabel und risikogerecht bezahlen können, fehlt uns der Mut. Wenn du das Kartenhaus selbst aufgebaut hast, spürst du jeden Wind anders.

Im Ruhrgebiet, wo ich herkomme, hält man es pragmatisch: »Hömma, wat willze machen, et is, wie et is, machse nix.«

»El Niño #02« ist Teil des arbeiter*innengeführten Fahrradkollektivs CROW, das sich zum Ziel gesetzt hat, Autos durch Fahrräder zu ersetzen. Und zwar durch Lastenradtransporte und Fahrradreparaturen, für eine bessere Lebensqualität für alle und ohne Chefs.

Juni 2024 Meisterschaften ohne ZuschauerChampions, Champignons, aber kein Champagner #02 El Niño

DMFK – das steht für Deutsche Meisterschaften der Fahrradkurier*innen. Ja das gibt es. Und nicht nur die, es gibt auch die jährliche EM und WM.

Stattdessen sind die fast durchgehend seit 1993 zuerst in Berlin ausgetragenen Cycle Messenger World Championships sowie die lokalen Varianten vollständig selbstorganisiert. Der nächste Veranstaltungsort wird von den Anwesenden bestimmt.

Fahrradkurier*innen sind eine der am stärksten vernetzten Berufsgruppen der Welt. Alle von uns kennen Menschen unserer Profession an irgendeinem anderen Arsch der Welt. Die Meisterschaften sind keinesfalls nur für Kurierschaffende des jeweiligen Landes gedacht – die Teilnahme steht Messengern aus aller Welt offen.

Dieses Jahr sahen wir uns in Köln für die DMFK. Ich bin als Titelverteidiger in der Kategorie »Cargobike/Open« angereist, der offenen Gruppe für Lastenräder, wurde aber leider »nur« Zweiter. Mit der FLINTA*-Kategorie werden gerechtere Verhältnisse geschaffen, dafür gibt es ein internationales Regelwerk.

Die Meisterschaften laufen meist nach gleichbleibenden Mustern ab: von Donnerstag bis Samstag gibt es viel soziale Interaktion, Party, kleine Rennen, Spaßveranstaltungen, Konzerte, etc. Am Samstag dann die Qualifikationsrunden für das Finale am Sonntag. Es wird ein abgesicherter Parcours mit Sponsorcheckpoints befahren, in Köln waren es 9. Teilnehmende bekommen eine Karte des Geländes und im Rennen werden dann sogenannte Manifeste ausgeteilt, die bestimmen, welche Reihenfolgen zu fahren sind. Den Berufsalltag nachspielend, sollte bestmöglich kombiniert werden. Ist ein Manifest in möglichst kurzer gefahrener Distanz mit Stempeln voll, gibt es am Renn-HQ das nächste – drei Stunden lang. Wer die meisten vollen Manifeste und Zusatzaufgaben innerhalb der Zeit am HQ einreicht, gewinnt. Die Auswertung dauert meist bis in die Nacht, während die Teilnehmenden sich mit allem außer Champagner zuschütten.

Im Juli gibt es die ECMC (European Cycle Messenger Championships) in Lausanne und zwei Wochen danach die CMWC in Zürich, so viel in der teuren Schweiz! Ein Solidarsystem bringt Abhilfe und sorgt bei unterschiedlichen Einkommen für eine Anpassung des Ticketpreises, in dem alles Nötige enthalten ist.

»El Niño #02« ist Teil des arbeiter*innengeführten Kollektivs CROW, das zum Ziel hat, Autos durch Fahrräder zu ersetzen. Und zwar mit Lastenradtransporten und Fahrradreparaturen, für eine bessere Lebensqualität für alle und ohne Chefs.

Mai 2024 Ein neuer Tag im NestGeschichten von Little Bird #35 Little Bird

Es ist der erste richtig warme Frühlingstag des Jahres. Die Nachmittagssonne spiegelt sich in dem Bürogebäude auf der anderen Straßenseite und lässt es golden leuchten. Die Aufträge sind für den Tag gestoppt und ich sitze mit meinem Fahrrad vor dem Nest (unserem Büro) auf dem Parkplatz. Einige meiner männlichen Kollegen haben sich versammelt, um mir, der Kurierin, beim Wechseln der Bremsbeläge und Reinigen ihres Fahrrads zuzusehen. Es muss für sie sehr interessant sein zu sehen, dass jemand mit Brüsten das Gleiche tun kann wie sie.

Im Disponentenraum diskutieren der zweiköpfige »Borracho« und »La Misa« lautstark darüber, wie man das Unternehmen zum Wachsen bringen kann. Um uns eines Tages wirklich ordentlich bezahlen zu können? Nein. Ich glaube, es ist nur ihr Fetisch, ständig über die Arbeit zu reden. Aber wenn man liebt, was man tut, warum sollte man dann über etwas anderes reden?

»El Niño« stürmt mit neuen Ideen in den Raum der Disponenten. Von der sonnigen Außenwelt aus höre ich sie alle drei über neue Kund*innen, Expansion und goldene Kombinationen (wenn Aufträge in besonders schönen Abfolgen geliefert werden können) erzählen. »The District Officer« kommt aus der »Cave«, unserem großen unterirdischen Lager, und balanciert für Normalsterbliche viel zu viele Weinkisten, aber für sie ist es ein ganz normaler Arbeitstag. Sie unterbricht die hitzige Debatte in der Dispo mit einem gezielten Witz, und die Diskussion wandert hinaus zu uns in den Sonnenschein, die Körper folgen ihr. Mein Fahrrad ist einigermaßen sauber und ich habe wieder funktionierende Bremsen.

Ich wische mir das Fett von den Händen und geselle mich mit einem kalten Bier in der Hand zu meinen Kollegen auf dem Asphalt. Wir blicken auf das Gebäude gegenüber und haben die Sonne im Blick. Ich liebe diese Arbeit. Ich liebe meine Kolleginnen und Kollegen. Ich liebe unsere Fahrräder und die Freiheit der Straße. Ein ganz normaler Tag in unserem Fahrradkurier*innenkollektiv – eine Symphonie aus Fett, Stahl und Leidenschaft.

»Little Bird #35« ist Teil des arbeiter*innengeführten Fahrradkollektivs CROW, das sich zum Ziel gesetzt hat, Autos durch Fahrräder zu ersetzen. Und zwar durch Lastenradtransporte und Fahrradreparaturen, für eine bessere Lebensqualität für alle und ohne Chefs. Bei CROW haben die Menschen ständig wechselnde Spitznamen (aber gleichbleibende Nummern), die in dieser Kolumne verwendet werden. Es liegt an euch, uns kennenzulernen und zu erraten, wer wer ist.